Fehlerfalle Zentralabitur

24.05.2011

Neue Westfälische
Bielefeld West
VON ARIANE MÖNIKES UND
ANNA-LENA WAGNER

Schüler in OWL schreiben am Donnerstag Mathematikklausur nach / Großer Organisationsaufwand

Bielefeld. Ulrike Blanke, Oberstufenkoordinatorin am Stadtgymnasium Detmold, hat derzeit doppelte Arbeit. „Wir hätten am Donnerstag eigentlich das mündliche Abitur gehabt. Jetzt müssen wir den Plan von Donnerstag auf Montag umstellen.

Das bedeutet natürlich einen großen Organisationsaufwand“, sagt die Lehrerin. Insgesamt 28 Schüler des Gymnasiums haben sich für die zweite Chance beim Mathe-Abi entschieden, 49 hatten zum regulären Termin im Grundkurs mitgeschrieben. Bis gestern hatten die Schüler Zeit, sich für die Klausur anzumelden.
Die Panne rankt sich um den Vorspann einer der drei Analysis-Aufgaben, bei der der Begriff „Funktionenscharen“ fällt.

„Das ist natürlich ein höherer Anforderungsgrad. Die konkrete Aufgabe war jedoch auch ohne Kenntnis von Funktionenscharen lösbar“, sagt Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW NRW und Mathematikerin.

Das sei nicht „ganz schlau“ und könne zu Blockaden bei den Schülern führen, „aber es ist auch nicht so ein Drama“. Das Schulministerium verweist darauf, dass die Aufgabe nicht falsch sei, sondern zu möglichen Irritationen geführt habe. „Aus diesem Grund haben wir das Nachschreibeangebot geschaffen“, sagt eine Sprecherin.

Der Philologenverband NRW hält die Panne dennoch für bedenklich. „Fehler können immer mal auftreten. Hier ist jedoch das Ärgerliche, dass der Fehler daraus entstanden ist, dass verbindliche Vorgaben nicht berücksichtigt wurden“, sagt Jürgen Baues, stellvertretender Vorsitzender des Philologenverbandes NRW.

Funktionenscharen seien nicht für den Grundkurs vorgesehen und deshalb im Unterricht auch nicht trainiert worden. „Das ist nicht akzeptabel, gerade wenn eine Qualitätskommission eingesetzt wurde“, sagt Baues.

Seit 2009 gibt es die Kommission aus unabhängigen Experten, die die Aufgaben überprüft. 2008 hatte es nach einer Panne in Mathe nach heißen Diskussionen – damals noch unter Ministerin Barbara Sommer (CDU) – ebenfalls die Möglichkeit zum Nachschreiben gegeben. Die derzeitige Regierung will nach dem derzeitigen Debakel Konsequenzen ziehen: „Das Ministerium wird im Schulausschuss endgültig berichten, wie viele Schüler de facto nachgeschrieben haben. Dann ist sicherlich auch über die Zusammensetzung der Qualitätskommission zu diskutieren, schließlich setzen wir dafür 500.000 Euro ein“, sagt Grünen-Schulpolitikerin Sigrid Beer. Es sei jedenfalls nicht nachzuvollziehen, dass es „nach fünfmaliger Prüfung der Aufgaben“ zu diesem Missverständnis gekommen sei. „Fehler kann man grundsätzlich nicht ausschließen, aber es ist wichtig, bei den Aufgaben auf die Schulpraxis einzugehen.“

Professor Wilfried Bos, Vorsitzender der Expertenkommission, hält dagegen: „Aus pädagogischen Gründen lässt sich die Aufgabe durchaus wiederholen, jedoch nicht aus fachlichen Gründen. Die Aufgaben waren völlig in Ordnung.“ Die Arbeit der Expertenkommission habe sich bewährt.

Sigrid Beer begrüßt, dass Löhrmann sehr schnell die Möglichkeit zur Nachschreibeklausur geschaffen habe. Das Angebot nehmen die Schüler in OWL unterschiedlich stark wahr. Am König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter haben sich fünf Schüler für den Nachschreibetermin angemeldet. „Von immerhin 40 Mathegrundkursschülern“, sagt Schulleiter Georg Wieners.

Viele seien nicht bereit, das Risiko einzugehen. Denn: Wer die zweite Chance nutzt, für den wird die erste Note hinfällig.
Am Mauritius-Gymnasium in Büren nehmen 5 von 30 Schülern die Möglichkeit wahr, am Gymnasium Brede in Brakel 19 von 32. Am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh ist es einer von 55 Schülern, der den zweiten Termin wagt – „unsere Lehrer hatten die betreffende Aufgabe jedoch auch gar nicht ausgewählt. Die Möglichkeit zum Nachschreiben haben alle Grundkursschüler“, sagt Schulleiter Friedhelm Rachner. Das Schulministerium gibt die Zahl der Nachschreiber erst in der nächsten Woche bekannt. Die Schüler üben indes Kritik: „Das Urteil stützt sich nur auf das subjektive Empfinden von Eltern, Schülern und Lehrern.

Wir hätten erwartet, dass die erste Klausur fertig korrigiert wird und dann über eine Nachschreibeklausur diskutiert wird“, sagt Paula Klattenhoff von der Landesschülervertretung NRW: „Jetzt leiden im Endeffekt nur die Schüler.“

Mathe-Panne sorgt für Schülerstress: Tausende Abiturienten in NRW haben die Wahl, ihre Klausur im Grundkurs ein zweites Mal zu schreiben. Der Fehler entfacht Kritik an der Organisation des Zentralabis.

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