Rot-Grün will Vorverlegung des Einschulalters stoppen

18.02.2011

Halterner Zeitung.de
Natascha Assmann

Düsseldorf Eltern von Kindergartenkindern dürften wohl ab Mai Planungssicherheit darüber haben, wann sie ihre Kinder einschulen müssen. Dann soll im NRW-Landtag ein Gesetz beschlossen werden, das die sogenannte Stichtagsregelung ändert. Neuer Termin soll der 30. September sein.


Der Entwurf von SPD und Grünen sieht vor, dass der 30. September als fixer Richtwert für die Einschulung festgesetzt wird. Das heißt: Jungen und Mädchen müssen in dem Jahr mit der Schule starten, in dem sie bis zu dem Stichtag sechs Jahre alt werden. Damit würde ein Gesetz der Vorgängerregierung gekippt, das das Einschulungsalter schrittweise vorzieht. Nach noch geltender Rechtslage müssen im Schuljahr 2014/15 bereits Fünfeinhalbjährige zur Schule.

Grüne: "Zwangsverpflichtung zur frühen Einschulung"

Diese „flächendeckende Zwangsverpflichtung zur frühen Einschulung“ lehnen die Grünen laut Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin, ab. Man müsse den Kindern mehr Zeit lassen und sensibler hinschauen, wer zu was fähig ist, sagt Beer. Es dürfe in der Schule nicht „noch mehr Druck auf noch jüngere Kinder“ ausgeübt werden.

Lehrerverbände begrüßen das rot-grüne Vorhaben. „Schulstrukturen und Lehrpläne sind nicht auf so junge Schüler ausgerichtet“, sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung NRW. Zudem fehlten laut Baldur Bertling vom Grundschulverband NRW den jungen Schülern wichtige Fähigkeiten. Sie könnten sich beispielsweise nicht so lange konzentrieren wie ein Jahr Ältere. Bertling: „Eine frühere Einschulung bedeutet nicht mehr Bildung, denn es fehlt ein Kita-Jahr.“

Gesetzesvorlage im Mai

Im Mai soll die Gesetzesvorlage in den Landtag eingebracht werden. Beer geht davon aus, dass es eine Mehrheit geben wird. Selbst bei der CDU heißt es dazu: „Wir werden in der Frage keinen Grundsatzstreit suchen.“

Fragen und Antworten zum Thema:

Was hat es mit dem Stichtag auf sich?
Der Stichtag ist der Richtwert dafür, ab wann ein Kind zur Schule muss. In diesem Jahr ist es der 30. September. Alle Kinder, die bis dahin sechs werden, müssen diesen Sommer eingeschult werden. Das heißt: Ein Kind, das am 24. September sechs wird, geht nach den großen Ferien – also mit gerade noch fünf Jahren – in die erste Klasse. Wer erst am 24. Oktober sechs wird, ist 2012 dran.

Ist der Stichtag jedes Jahr gleich?
Derzeit ändert er sich von Jahr zu Jahr. Hintergrund: Die Vorgängerregierung aus CDU und FDP hat beschlossen, den Stichtag schrittweise nach hinten zu verlegen. Ausgangspunkt war der 30. Juni, Endpunkt der 31. Dezember, der im Schuljahr 2014/15 erreicht sein soll. Dann müssten bereits Fünfeinhalbjährige im Klassenzimmer sitzen.

Was soll sich ändern?
Rot-Grün plant keine Rolle rückwärts, sondern will den jetzt geltenden Stichtag – also den 30. September – fixieren. Kommt das Gesetz durch, ist es für alle Eltern bedeutend, deren Kinder im Oktober, November und Dezember Geburtstag haben. Sie könnten nach neuer Regelung ihre Kinder länger im Kindergarten lassen.

Was hat die Regierung gegen eine frühere Einschulung?
Laut Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, sind die Schulen vom Bildungsangebot her nicht darauf vorbereitet, Fünfjährige aufzunehmen. „Die Entwicklungsunterschiede in diesem Alter sind erheblich“, heißt es in der Gesetzesvorlage. Zudem lehne Rot-Grün den Zwang ab, dass alle ausnahmslos früh zur Schule müssen. „Wir wollen individueller auf die Kinder eingehen“, sagt Beer. Das heißt auch: Wenn Eltern ihr Kind mit Fünf einschulen wollen, wäre dies weiterhin möglich.

Sind Fünfjährige nicht schulreif?
So pauschal ist das nicht zu beantworten. Baldur Bertling vom Grundschulverband NRW und selbst Schulleiter in Dinslaken hat beobachtet, dass Kindern, die früh in der Schule starten, oft Vorschul-Fähigkeiten fehlen: „Sie können nicht richtig malen, der Umgang mit der Schere sitzt nicht, sie haben nicht so viele Bilder im Kopf und kennen weniger Lieder“, sagt Bertling. Schulen müssten immer jüngeren Kindern immer mehr beibringen – „ein komplizierter Auftrag“.

Kommt das Gesetz durch?
Beer geht davon aus, im Landtag eine Mehrheit zu bekommen. Auch die CDU signalisiert, nicht prinzipiell dagegen zu sein. Laut Thomas Sternberg, bildungspolitischer Sprecher, plädiert sie aber dafür, der Schule ein „Lernjahr“ vorzuschalten – ein Mix aus Kita und Schule. „Damit soll der Lernwille der Kleinen aufgegriffen werden“, sagt Sternberg. Ein Konzept, das dem Verband Bildung und Erziehung gefallen dürfte. Dort spricht man ebenfalls davon, dass der Übergang zwischen Kita und Schule fließender werden müsse.



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