Immer mehr Grundschüler nehmen Nachhilfe

26.11.2010

Westfalen-Blatt
Von Bernd Bexte

Bielefeld (WB). Die Zahl der Grundschüler, die gewerbliche Nachhilfe nimmt, steigt rasant. Laut Erhebung des Anbieters Studienkreis sind es in Nordrhein-Westfalen nahezu doppelt so viele wie 2008. Hauptgrund sei die verbindliche Schulempfehlung zum Ende der Grundschulzeit.

Die rot-grüne Landesregierung will die Verbindlichkeit des von der CDU-FDP-Vorgängerregierung eingeführten Grundschulgutachtens schon für die jetzigen Viertklässler streichen. »Das Gesetz wollen wir Mitte Dezember verabschieden«, sagt Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion aus Paderborn. Es werde allerdings weiterhin ein Gutachten geben, dieses sei aber nicht verbindlich, auch der Prognoseunterricht entfalle.

Wegen der höheren Hürde zum Gymnasium schicken immer mehr Eltern ihre Kinder zur professionellen Nachhilfe. »In Bundesländern mit verbindlichen Schulempfehlungen ist der Anteil der Schüler bis zehn Jahren um zwei bis sechs Prozentpunkte auf 11 bis 18 Prozent gestiegen«, sagt Studienkreissprecherin Kerstin Griese. In NRW stieg die Quote von sechs auf elf Prozent bei insgesamt 15 800 Nachhilfeschülern des Instituts. Spitzenreiter ist Brandenburg mit 18 Prozent. In Bundesländern, in denen die Eltern über die weiterführende Schule entscheiden können, liegt laut der Erhebung der Anteil der Nachhilfeschüler bis zehn Jahren lediglich bei sechs bis zehn Prozent.

Auch andere gewerbliche Nachhilfeanbieter verzeichnen eine deutlich steigende Nachfrage im Grundschulbereich. »Bei uns sind es etwa ein Drittel mehr als vor drei Jahren«, sagt Werner Kempf vom Institut Abacus in Bielefeld. Er hält ein Beratungsgespräch mit den Eltern für sinnvoller als eine verbindliche Empfehlung. Auch bei der Schülerhilfe in Herford lernen immer mehr Grundschüler: »Früher waren es eine Handvoll, zuletzt etwa 30«, sagt Büroleiterin Dorit Tschöke.

Bildungsforscher bestätigen den Trend. »Die Eltern wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein hochwertiger Schulabschluss ist. Fast 60 Prozent wollen, dass ihr Kind das Abitur macht«, sagt Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance (Berlin). »Viele Eltern geben den Druck an die Kinder weiter«, berichtet Ute Bernau vom Studienkreis Gütersloh aus der Praxis.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nehmen bundesweit etwa 1,1 Millionen Schüler bezahlten Nachhilfeunterricht. Insgesamt geben Eltern dafür jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro aus.

Nachhilfe
Den Druck nehmen


Eltern wollen für ihre Kinder in der Regel nur das Beste, auch bei der Schulausbildung. Also muss es das Gymnasium sein. Und damit beginnt das Leid vieler Kinder im Grundschulalter. Schon in den ersten Schuljahren herrscht Leistungswettkampf an der Schulfront, nicht selten befeuert von Mama und Papa. Kommt dann noch die Hürde einer verbindlichen Schulempfehlung dazu, ist das Drama in mancher Familie perfekt. Deshalb ist es gut, dass die die neue Landesregierung die Verbindlichkeit des Grundschulgutachtens abschaffen will.

Aber noch mehr als die Politiker stehen die Eltern in der Pflicht. Denn viele, die ihre Sprösslinge schon im Grundschulalter auf die Nachhilfebank zwingen, scheinen die Erinnerung an ihre eigene Schulzeit offenbar vergessen zu haben. Auch sie waren sicherlich nicht immer spitze, haben sich mit manchem Problemfach herumschlagen müssen. Trotzdem haben sie es zu etwas gebracht.

Statt den Druck auf die Kinder zu erhöhen, sollten Eltern den Dampf aus dem Kessel lassen. Eine Portion Gelassenheit kann nicht schaden. Denn das Abitur ist nicht alles. Bernd Bexte

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