Laufbahnen für Kinder länger offen halten

16.10.2010

nwnews.de

INTERVIEW: Die Landtagsabgeordnete Sigrid Beer zur kreisweiten Schuldiskussion

Kreis Paderborn. Wettlauf oder Windhund-Rennen um die nächste Gesamtschule oder die erste Gemeinschaftsschule im Kreis Paderborn: So wird die aktuelle Diskussion über mögliche neue Schulformen schon betitelt. Karl Finke hat mit der Landtagsabgeordneten Sigrid Beer (Bündnis 90/Die Grünen), Bildungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, über die schulischen Alternativen, deren Entwicklungsmöglichkeiten und das Zusammenspiel der politischen Kräfte gesprochen.

Frau Beer, 7 der 10 Städte und Gemeinden im Kreis Paderborn denken zurzeit über die Errichtung neuer Schulformen nach. Haben Sie dafür eine Erklärung?

SIGRID BEER: Der Reformstau ist groß. Die letzte Landesregierung unterdrückte und blockierte viele Bemühungen. Die Problemlage ist allen bewusst, und der demografische Wandel verschärft den Lösungsdruck. Die Denkblockaden sind jetzt gelöst.

Die Gesamtschule war in den Augen vieler CDU-Politiker Jahrzehnte lang nicht salonfähig, obwohl in Elsen und auf dem Kaukenberg hervorragende Arbeit geleistert wird. Warum findet die Gesamtschule jetzt auch bei der politischen Mehrheit plötzlich Akzeptanz?

BEER: Das sind die kommunalen Interessen. Für die Bürgermeister sind die Schulangebote ein wichtiger Standortfaktor für die Zukunft. Natürlich ist der Druck dort besonders groß, wo es um die einzig verbleibende Schule vor Ort geht. Dazu kommt das Schulwahl-Verhalten. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder länger zusammen lernen.

Die Hauptschule steht schon länger auf der Kippe, genießt aber im ländlichen Bereich nach wie vor hohe Anerkennung. Ist ihr Ende dennoch eingeläutet?

BEER: Es gibt heute noch starke Hauptschul-Standorte. Doch mittelfristig wird die Hauptschule nicht zu halten sein. Das hat nichts mit der Qualität der Arbeit dort zu tun. Die Hauptschule ist nicht die Schulform, die in unserer Wissensgesellschaft nachgefragt wird. Daher sind die Schüler dort benachteiligt. Schule muss sich am Bedarf orientieren.

Renner der vergangenen zwei Jahrzehnte waren ohne Zweifel die Realschulen. Welche Rolle werden sie in Zukunft spielen?

BEER: Auch an den Realschulen sind die Schüler-Zahlen landesweit rückläufig, weil die Schulform mit der 10. Klasse endet. Eltern möchten, dass ihre Kinder sich weiter verbessern können. Heute wird viel mehr Qualität gefordert, als es zu Zeiten der Eltern der Fall war. Die Realschule führt auch nur bis zur mittleren Reife. Wunsch der Eltern ist es, dass es eine weitere Option aus der Schulform heraus gibt. Die Schullaufbahn soll länger offen gehalten werden. Und das möglichst in der Kombination von 9 Schuljahren mit der Option zum Abitur.Die neue rot-grüne Landesregierung will mit der Gemeinschaftsschule ein neues Pilotprojekt einführen.

Erklären Sie einmal den Unterschied zwischen diesem Modell und einer Gesamtschule.

BEER: Die Gesamtschule ist eine etablierte Schulform mit mindestens 112 Schülern in einem Jahrgang und von vornherein mit einer Oberstufe ausgestattet. - Eine Gemeinschaftsschule kann dort gebildet werden, wo diese Schülerzahl nicht erreicht wird, sie muss aber mindestens dreizügig sein, 69 Schüler haben. Dafür können bestehende Schulen zusammengeführt werden. Hauptschulen und Realschulen, aber beide auch mit Gymnasien. An einer Gemeinschaftsschule kann eine Oberstufe eingerichtet werden, wenn genügend Schüler an diesem Standort sind. Sonst muss die Gemeinschaftsschule mit Nachbarstandorten kooperieren, an denen das weitergeführt wird, was bis an der Gemeinschaftsschule schon erarbeitet worden ist. Beide Schulformen sind Ganztagsschulen.

Wo sieht der Vergleich in der 5. und 6. Klasse aus?

BEER: An einer Gemeinschaftsschule werden die Kinder in beiden Jahrgängen gemeinsam unterrichtet. Die Schulkonferenz entscheidet, ob ab der 7. Klasse weiter integrativ unterrichtet wird oder zum Beispiel ein gymnasiales Profil ausgebildet werden soll. Die Richtlinien für die 5. und 6. Klassen sind heute an allen heutigen Schulformen ziemlich ähnlich. Doch anschließend sollen die Schulen ihren Schülern unterschiedliche Lernwege anbieten, auch schwierigere Lernwege. Das wird in der Hauptschule bislang nicht ausgeschöpft.

In Borchen ist vor einem Jahr eine Verbundschule als Verbindung von Hauptschule und Realschule gebildet worden, die von allen Beteiligten gelobt wird. Hat dieses Modell trotzdem keine Zukunft?

BEER: Auf dem Papier sind die Haupt- und die Realschule in dem Verbund-Modell strikt getrennt. - In Borchen und dem benachbarten Lichtenau spielt die politische Farbenlehre aber zumindest zwischen den Bürgernmeistern keine Rolle. Wenn dies von anderen Seiten emotional aufgepeppt wird, ist es der Sache aller Schülerinnen und Schüler wenig dienlich.

In Paderborn ist eine dritte Gesamtschule im Stadtrat neu in Frage gestellt worden.

BEER: Die FPD hat sich gerade gut weggeduckt. Doch der Bedarf ist da. Der wird nicht durch eine Gesamtschule im Umland aufgehoben. Wenn der Rat keine zusätzlichen Mittel genehmigen, sondern nur in einen vorhandenen Standort gehen will, ist dies eine Kommunikationsfrage - wie man in der Stadt einen gemeinsamen Gesamtschul-Standort entwickeln kann. Es ist aber eine Zumutung für die Eltern, diese Entscheidung auf die lange Bank zu schieben. Und es ist keinesfalls gesichert, dass in Salzkotten schon im nächsten Schuljahr eine Gesamtschule an den Start gehen kann.

Warum wird die offensichtlich umfassende Neuformierung der Schullandschaft im Kreis Paderborn nicht von der Kreisverwaltung koordiniert, damit es am Ende auch passt?

BEER: Es wundert mich, dass der Kreis sich so dagegen sperrt, denn das verletzt die Interessen der Region. Es muss einen regionalen Schulentwicklungsplan geben, und wer sollte den sonst koordinieren? Das kann nicht ein informelles Gespräch eines Beigeordneten mit diesem oder jenem Bürgermeister sein, sondern braucht eine offizielle Ebene. Ich hatte Landrat Manfred Müller darum gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen, aber er hat es abgelehnt. Andernorts in Nordrhein-Westfalen funktioniert das.

Wagen Sie eine Prognose: Wie könnte die Schullandschaft in unseren Städten und Gemeinden in zwei Jahren aussehen?

BEER: In Salzkotten gibt es eine Gesamtschule. Lichtenau und Borchen haben einen Schulverbund gebildet mit der Option zu einer gemeinsamen Oberstufe. In Bad Lippspringe wird über die Möglichkeit einer Gemeinschaftsschule oder Gesamtschule neu diskutiert.
In Delbrück ist die Entscheidung zwischen einer Gemeinschaftsschule und einer Gesamtschule gefallen. Altenbeken hat zum Beispiel einen Zweckverband mit Bad Driburg gegründet und kooperiert mit einem dortigen Gymnasium. In Paderborn gibt es die dritte Gesamtschule.


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