Mindener Tageblatt: Grünen-Politikerin Sigrid Beer geht mit Landesregierung ins Gericht / Sorge um Chancengleichheit

Mindener Tageblatt vom 18.08.2006
"Sehr ungerecht und unüberlegt"
Grünen-Politikerin Sigrid Beer geht mit Landesregierung ins Gericht / Sorge um Chancengleichheit
Minden (mt). Für Kinder ungerecht, in Teilen undurchführbar und obendrein belastend für die Kommunen: Heftig und umfassend kritisierte Grünen-Landtagsmitglied Sigrid Beer jetzt in Minden das neue Schul-gesetz.
Von Monika Jäger
Probleme sah sie zum einen darin, dass vieles, was mit dem Gesetz erreicht werden soll, mit den bestehenden Vorgaben und ohne mehr Geld und Lehrer im gegenwärtigen System nicht erreicht werden kann. Zum anderen schaffe das Gesetz eine für Kinder belastende Schulwirklichkeit. "Wie wird der Anspruch auf individuelle Förderung eingelöst?" fragte die Politikerin - Schulen bekämen weder mehr Geld oder Personal noch Möglichkeiten zur Fortbildung der Lehrkräfte. Besonders problematisch beim Thema Fortbildung nach Ansicht Beers: Die Auflösung des bisher zuständigen Landesinstituts in Soest zum Jahresende.
MT-Foto: Monika Jäger
Chancengleichheit werde eher verhindert als gefördert. Beispiele: Die Auflösung der Grundschulbezirke und die Freigabe des Wettbewerbs unter den Grundschulen: Wer kann künftig welche Schule besuchen? Welche Aufnahmekriterien wird es geben? Wie funktioniert der Übergang von Kindertagesstätte zur Schule, wenn das Kind vielleicht an der Nachbarschule gar keinen Platz mehr findet?
"Großer Druck im Gymnasialkessel"
Auch das verbindliche Grundschulgutachten, bei dem der Elternwille eben nicht mehr zähle, kritisierte Beer. Die Entscheidung über die Lebens- und Berufsperspektiven eines Kindes falle zudem demnächst durch das vorgezogene Einschulungsalter schon, wenn die Jungen und Mädchen neun Jahre alt sind. Zu früh. Denn: Die behauptete Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I funktioniere nicht wirklich. Am Gymnasium werde der Stoff deutlich verdichteter durchgenommen, und die Einführung der zweiten Fremdsprache ab Klasse sechs verhindere, dass Realschüler und Hauptschüler ins Gymnasium wechseln können. Die Forderung, Versetzungen seien der Regelfall - im Übrigen nicht neu - sei nirgends dadurch gestützt, indem deutlich gemacht werde, mit welchen Förderungen, Lehrern und Geldern das erreicht werden solle. In sieben Kopfnoten werden künftig Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Arbeitsverhalten und anderes belegt. Doch diese Begriffe seien erstens nicht klar definiert - wann etwa hat jemand eine gute "Teamfähigkeit"?. Zweitens sei fraglich, wie und ob all das, was dann benotet wird, in Lernprozessen im Unterricht auch tatsächlich vermittelt wurde. Die verkürzte Sekundarstufe I führe zu großem "Druck im Gymnasialkessel". Es gebe trotz erhöhter Wochenstundenzahlen insgesamt weniger Unterricht in allen Fächern. Die Stoffmenge, die bis Ende der 9. Klasse geschafft werden muss, sei jedoch gleich der Menge, die vorher bis Ende Klasse zehn durchgenommen wurde. Trotz vermehrter Schulstunden in der Woche bleibe da weniger Zeit zum Vertiefen und Üben. Das werde in den privaten Raum der Familie verlagert: "Wohl dem, wo Eltern unterstützen und Nachhilfe bezahlen können." Und da die Infrastruktur der Schulen nicht für eine Über-Mittag-Betreuung gefördert werde, müssen schon Fünftklässler im "nackten Ganztag" sieben, acht Stunden täglich mit viel zu wenigen Pausen durchhalten.
Eine Chance für die Gesamtschulen?
Klar, dass da Kommunen extrem gefordert sind: Mittagbetreuung für Gymnasien, Klärung der Situation ohne Grundschulbezirke, Schulentwicklungsplanungen - all das müsse jetzt schnell geregelt werden. Auch das Problem der Lernmittelfreiheit für Bezieher von ALG II wurde auf die Kommunen verschoben, die Städte und Gemeinden müssen damit umgehen, dass Schülerfahrtkosten reduziert wurden - und vieles mehr. Ob all dieses eine Chance für die Gesamtschulen darstelle, wurde die Grünen-Abgeordnete aus dem Publikum gefragt. Nach einer Studie des Verbandes Bildung und Erziehung, so Beer, sei eine gemeinsame Sekundarstufe I und die Differenzierung erst nach Klasse 10 ein sinnvolles Modell. Ob die durchlässigere Gesamtschule - im neuen Schulgesetz wenig gefördert und genannt - weiter bei Eltern so beliebt bleibe wie bisher, müsse man abwarten. 18 000 Kinder mussten diesmal landesweit an Gesamtschulen abgelehnt werden, weil keine Plätze vorhanden waren.Doch wenn künftig regelmäßig Ergebnisse der zentralen Lernstandserhebungen in Rankings bekannt gemacht werden, könne es sein, dass der Run auf Gymnasien anhalte - trotz aller erschwerter Bedingungen dort, gab ein Lehrer aus dem Publikum zu bedenken. Mit welchen Folgen für die anderen Schulformen - das bleibe abzuwarten Die Landesregierung wird mit Infoveranstaltungen das neue Schulgesetz erläutern. In Minden ist dieser Termin mit Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl für den 21. September angesetzt.

 

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