Geplanter Amoklauf und Selbstmord beschäftigten Landtag

29.11.07

Minister und Polizei weiter in der Kritik
Von Johannes Nitschmann


Hätte die Kölner Polizei den Selbstmord eines Schülers verhindern können? Die Opposition sieht weiter Widersprüche in dieser Frage. Innenminister Wolf wirft SPD und Grünen am Donnerstag (29.11.07) in einer Ausschusssitzung vor, sie nützten den Suizid parteipolitisch aus.

Innenminister Ingo Wolf (FDP) zeigte sich empört. "Sie wollen das populistisch ausschlachten!", rief er entrüstet in Richtung der Oppositionsabgeordneten von SPD und Grünen. Die beiden Fraktionen hatten am Donnerstag (29.11.07) eine gemeinsame Sitzung des Innen- und des Schulausschusses im Düsseldorfer Landtag erzwungen. Dort sollten Innen- und Schulministerium die Widersprüche aufklären, die sich in der Darstellung der Geschehnisse um einen geplanten Amoklauf zweier Schüler am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium aufgetan haben.


Versetzte Polizei-Gespräch Schüler in Panik?

In der Öffentlichkeit wurden Vorwürfe laut, einer der beiden Schüler, die einen Amoklauf geplant haben sollen, der 17-jährige Rolf B., sei am 16. November durch eine umstrittene "Gefährderansprache" der Polizei in Panik versetzt und in den Selbstmord getrieben worden. Nach dem Gespräch mit der Polizei hatte Rolf B. mit seinem Fahrrad fluchtartig das Georg-Büchner-Gymnasium verlassen und sich vor einen Straßenbahnzug geworfen. Der Inspekteur der nordrhein-westfälischen Polizei, Dieter Wehe, erklärte in der Ausschusssitzung, für die beiden Polizisten seien bei ihrem Gespräch mit dem 17-Jährigen "keine Anhaltspunkte für einen Suizid erkennbar" gewesen. Obwohl die Beamten bei Rolf B. keinen Verdacht geschöpft hätten, dass er einen Amoklauf plane, hätten sie ihn gefragt, ob sie bei ihm daheim einen Blick in sein Zimmer werfen könnten, "um die Sache abzurunden", berichtete der Polizeiinspekteur. Dies habe der Schüler "spontan, ohne wahrnehmbare Aufregung" abgelehnt. Für die Beamten sei "die polizeiliche Maßnahme damit beendet" gewesen.


Hunderte Hinweise auf Amok-Läufe pro Jahr
Für die Opposition von SPD und Grünen beginnt hier der Skandal. Es sei "nicht nachvollziehbar", warum die Eltern von Rolf B. nicht umgehend informiert worden seien, dass ihr Sohn wegen dubioser Internetbilder unter Amokverdacht stehe und die Schule deshalb die Polizei alarmiert habe, erklärte SPD-Innenexperte Karsten Rudolph. Die Schulexpertin der Grünen, Sigrid Beer, hielt Innenminister Wolf die Polizeidienstvorschrift Nummer 382 vor, wonach Kinder nach einer polizeilichen Maßnahme von den Beamten in die Obhut ihrer Erziehungsberechtigten zu übergeben seien.

Eine "Gefährderansprache" sei lediglich die Vorstufe einer polizeilichen Maßnahme und basiere auf der Freiwilligkeit des Betroffenen, konterte Wolf. Von diesen "Gefährderansprachen" würden in NRW pro Jahr "einige hundert durchgeführt". Alle seien bisher "unproblematisch" verlaufen.

Dagegen wandten die Sitzungsbeobachter des Bundes der Krimalbeamten (BDK) ein, dass "Gefährdungsansprachen" zwar ein probates Präventionsmittel bei Fußball-Hooligans seien, nicht aber bei potenziellen Amokläufern, die in der Regel suizidgefährdet seien. SPD und Grüne monierten, dass zu dem heiklen Polizei-Gespräch mit Rolf B. keine Schulpsychologen hinzu gezogen worden seien.

Für die Polizei aber scheint der Amokalarm an einer Schule längst nichts Besonderes mehr zu sein. Seit dem Amoklauf eines ehemaligen Schülers an seiner Realschule im westfälischen Emsdetten vor einem Jahr gehen bei der Polizei laut Wolf beinahe täglich "Amok-Hinweise" ein, insgesamt 394 waren es in den letzten zwölf Monaten. 87 dieser Fälle seien "ernsthaft verfolgt" worden. Alleine nach dem Amokalarm am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium habe es 65 "Amok-Hinweise" bei der Polizei gegeben, die in 15 Fällen "ernst genommen" worden, aber folgenlos geblieben seien, erklärte der Innenminister im Landtag.


"Informationschaos und Kommunikationspannen"
Massive Kritik übte die Opposition an dem "Informationschaos" und den "Kommunikationspannen" bei dem vereitelten Kölner Amoklauf. Die Kölner Polizei hatte sich in einer eilig einberufenen Pressekonferenz gebrüstet, ein blutiges Schulmassaker am Georg-Büchner-Gymnasium vereitelt zu haben. Dabei hatte die Behörde allerdings verschwiegen, dass der mutmaßliche Komplize des lebensmüden Rolf B., der 18-jährige Ralf R., den Plan für einen Amoklauf bereits vier Wochen zuvor verworfen und die dafür beschafften beiden Armbruste längst funktionsunfähig gemacht hatte.


Ministerium trieb Polizei an
Das Innenministerium räumte ein, dass es trotz unsicherer Erkenntnislage darauf gedrängt habe, die ursprünglich einen Tag später geplante Pressekonferenz vorzuziehen. Damit habe einer "aufkommenden Hysterie" in der Kölner Bevölkerung mit frühzeitigen Informationen entgegen gewirkt werden sollen. "Die sich ergebenden Erkenntnisse haben sich sukzessive gewandelt", erklärte Innenminister Wolf. Erst einen Tag nach der Pressekonferenz sei für Polizei und Staatsanwaltschaft klar gewesen, dass die blutige Tat von den beiden Schülern bereits vor Wochen aufgegeben worden sei.

Die Abgeordneten der Regierungsfraktionen von CDU und FDP bescheinigten Polizei und Lehrern, in jeder Phase des Geschehens "angemessen und korrekt" gehandelt zu haben. Dies habe auch die Staatsanwaltschaft festgestellt, die für eine fahrlässige Begünstigung des Selbstmords von Rolf B. durch die Behörden keinerlei Indizien gefunden habe.


Widersprüchliche Handlungsempfehlungen

In die Defensive gerät zunehmend Schulministerin Barbara Sommer (CDU) mit den von ihr herausgegebenen "Notfallplänen" für die NRW-Schulen. Während die Schulministerin bei Amokläufen eine Verbarrikadierung im Klassenzimmer empfehle, rate die Polizei zu einer Evakuierung der Schulgebäude. "Was ist nun richtig?", fragte die grüne Abgeordnete Beer. Ihre Notfallpläne, verteidigte sich die attackierte Schulministerin, seien mit den Sicherheitsbehörden abgestimmt. Die grüne Fraktionschefin, Sylvia Löhrmann, erklärte, die Widersprüche in der öffentlichen Darstellung zu dem Kölner Amok-Ereignis seien in der Ausschusssitzung "nicht aufgeklärt" worden. Löhrmann: "Das ganze stinkt zum Himmel."

WDR.de

 

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