Hauptschule: Praxisnäher ausbilden und Muttersprache anerkennen

15.01.2008
Der Westen

Düsseldorf. Der Unterricht an den rund 700 nordrhein-westfälischen Hauptschulen soll grundlegend reformiert werden. Jeder einzelne Schüler soll mit einem individuellen «Zukunftsplan» frühzeitig an seinen Berufswunsch herangeführt werden.

Dazu hat das Kabinett am Dienstag Richtlinien beschlossen. Ziel sei es, die Schüler so praxisorientiert wie möglich auf das Berufsleben vorzubereiten, sagte NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) am Dienstag in Düsseldorf. Jeder einzelne Schüler solle mit einem individuellen «Zukunftsplan» frühzeitig an seinen Berufswunsch oder an realistische Alternativen herangeführt werden. Dem sollen Praktika schon ab Klasse 7 sowie mehrtägige Berufsorientierungsseminare ab der 8. Klasse dienen.

Muttersprache anerkennen
Bei Schülern aus ausländischen Familien sollen Türkisch- und Russischkenntnisse als zweite Fremdsprache neben Englisch anerkannt werden. Immerhin werde bei jedem zweiten Hauptschüler in NRW nicht Deutsch die Familiensprache, teilte Sommer mit. Dieses Fremdsprachen-Potenzial müsse viel stärker als Berufschance entwickelt werden.

Gleichzeitig sollen die Kompetenzen aller Schüler in Deutsch sowie ihre Allgemeinbildung gestärkt werden. 100 Hauptschullehrer sollen eine Spezialausbildung erhalten, um die Kinder fit in Deutsch zu machen. Voraussetzung für das neue Angebot sei eine grundlegende Überarbeitung und Entrümpelung der bisherigen Lehrpläne. Dabei stelle sich etwa die Frage, wie wichtig es heute noch sei, im Unterricht über das Urpferd zu sprechen, sagte Sommer.

"Lebensplanung" im Unterricht
Die neuen Hauptschulen sollen aber nicht allein auf die Berufsorientierung bauen, sondern ihre Schüler auch lebenstüchtiger als bisher in ihre Zukunft entlassen. Dafür ist ein neuer Lernbereich «Lebensplanung» geplant. «Dort soll es um ganz einfache Dinge gehen, die für viele selbstverständlich sind», erläuterte Sommer. Dazu zählten etwa der vernünftige Umgang mit Geld, Gesundheitserziehung, Freizeitgestaltung oder auch die Frage: Wie besorge ich mir einen Personalausweis?

«Das ist gerade wichtig, wenn man nicht die Gelegenheit hat, alles aus dem Elternhaus zu bekommen», betonte die CDU-Politikerin. Nicht zuletzt die Aufgabe des Nokia-Werkes in Bochum führe allen vor Augen, wie wichtig es sei, Schüler darauf vorzubereiten, «dass sie mit den Wechselfällen des Lebens noch zurechtkommen».

Für die Umsetzung der neuen Zielvorgaben wurde den Schulen kein verbindlicher Zeitplan vorgegeben. Die Entwicklung der veränderten Lehrpläne in den Fachkommissionen, die Erörterungen mit den Verbänden und anschließende Verwirklichung in den Schulen seien jedoch ein langwieriges Verfahren, schilderte die Ministerin.

Ganztagsangebot ausbauen
Stetig weitergearbeitet werde am Ausbau des Ganztagsangebots als einer grundlegenden Voraussetzung für die Förder-Offensive. Vom kommenden Schuljahr an soll jede zweite Hauptschule für alle ihre Schüler Ganztagsplätze anbieten können. Ziel sei es außerdem, an jeder Schule künftig mindestens eine sozialpädagogische Fachkraft zu beschäftigen. Derzeit sind nach Angaben des Ministeriums rund 400 Sozialpädagogen und Sozialarbeiter an den NRW-Hauptschulen beschäftigt.

Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßte die Ankündigungen im Grundsatz. Mehr Ganztagshauptschulen und Schulsozialarbeit seien hilfreich. Der VBE-Landesvorsitzende Udo Beckmann warnte jedoch davor, Sozialpädagogen auf Lehrerstellen zu setzen und die beiden Bereiche gegeneinander auszuspielen. Russisch oder Türkisch als zweite Fremdsprache an Hauptschulen einzuführen, sei nur sinnvoll, wenn dieser Unterricht auch bei einem Wechsel in eine andere Schulform fortgesetzt werden könne.

Kritik kam von der Opposition. Ex-Schulministerin Ute Schäfer (SPD) hielt ihrer Amtsnachfolgerin vor, «ein weiteres Kapitel ihres Märchens von der heilen Hauptschulwelt» zu präsentieren. Tatsache sei, dass die Akzeptanz für die Hauptschule sinke und keine andere Schulform so stark sinkende Schülerzahlen zu verbuchen habe. Auch die Grünen glauben nicht, dass die Zukunftschancen von Hauptschülern innerhalb des bisherigen Schulsystems wirksam verbessert werden können. Zudem hätten andere Schulformen bei der Beruforientierung weit größeren Nachholbedarf, unterstrich die Schulexpertin der Grünen-Fraktion, Sigrid Beer. CDU und FDP sehen das Programm dagegen als «Qualitätsoffensive» für bessere Zukunftsperspektiven von Hauptschülern. (dpa)

 

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