Angst vor dem Turbo-Abi

16.02.08

VON ANDREAS BLOCK
UND SABINE KAUKE
© 2008 Neue Westfälische
Paderborner Kreiszeitung

Immer stärkerer Leistungsdruck / Gesamtschulen boomen, Gymnasien verlieren

Paderborn. Sara (13) ist eine begeisterte Hobby-Musikerin. Ihr Traum: Mit den besten Freundinnen in einer Band spielen. Doch die Bandgründung ist erstmal verschoben. „Neben der Schule bleibt dazu einfach keine Zeit“, sagt sie.

32 Wochenstunden paukt Sara am Gymnasium, dazu kommen Hausaufgaben, Referate, Lernstoff für Klassenarbeiten. Sara soll wie ihre Mitschüler das Abitur im Schnelldurchlauf bauen: Sie ist eine der ersten Schülerinnen, die das Gymnasium nicht mehr nach neun, sondern nach acht Jahren abschließen. „Die Belastung für Schüler ist immens und wird immer größer“, sagt Saras Vater Ralf Linnemann, Sprecher der Stadtschulpflegschaft Paderborn. „Viele Kinder sind platt, wenn sie nachmittags nach Hause kommen.“

Immer mehr Eltern und Kinder stöhnen über das Turbo-Abi. Die Paderborner Gymnasien haben insgesamt weniger Anmeldungen für das neue Schuljahr. Beispiel Reismann-Gymnasium: 81 Schüler sind dort angemeldet worden, im letzten Jahr waren es 134. Die fünften Klassen des Pelizaeus- Gymnasiums besuchen ab Sommer 145 Schüler, aktuell sind es 217 Kinder. Einzig das Theodorianum setzt sein Wachstum fort.

Wenngleich die Schulleiter der Gymnasien zurecht betonen, dass die Anmeldezahlen regelmäßig schwanken, so ist ein leicht rückläufiges Interesse an dieser Schulform nicht zu ignorieren. Meldeten sich 2006 noch 36,8 Prozent aller 1.417 Paderborner Viertklässler am Gymnasium an, sind es jetzt 32,7 Prozent. Gleichzeitig steigen die Zahlen an den Gesamtschulen, so wie in Paderborn-Elsen. Dort lagen 362 Anmeldungen vor, so viele wie noch nie. 2006 wurden dort 255 Anträge registriert.

„G8“, die von 9 auch 8 Jahre verkürzte Schulzeit am Gymnasium, ist offenbar der Grund dafür. Die Paderborner Landtagsabgeordnete Sigrid Beer (Grüne) glaubt: „Das Turbo-Abitur schreckt Eltern und Schüler ab.“ Weil die Schüler an Gesamtschulen ihr Abitur weiter in neun Jahren bauen können, sei landesweit ein Trend zu dieser Schulform zu beobachten, ist Reismann-Schulleiter Hans-Georg Schroer überzeugt.

Diese Interpretation hält Dorothea Frintrop-Bechthold, Leiterin des Theodorianum, für überzogen: „Im ein oder anderen Fall wird das sicher zutreffen. Aber nicht in der Summe“.

Günter Wortmann, Schulleiter des Goerdeler-Gymnasiums registriert, dass sich einige Eltern Sorgen wegen der verkürzten Schulzeit machen. Und: „Immer mehr Eltern äußern den Wunsch nach einer Betreuung bis 16 Uhr.“ Mittagessen inklusive. Mensa und Ganztagsbetrieb: all das bieten die Gesamtschulen. Ein riesiger Pluspunkt gegenüber den Gymnasien, findet auch Petra Frie vom Landeselternrat der Gesamtschulen.

Doch die Gesamtschulen können den gestiegenen Bedarf nicht decken: In Elsen musste Schulleiterin Annegret Greipel-Bickel jedem zweiten Kind absagen. Darunter, so Greipel-Bickel, erstmals auch Kindern mit Gymnasialempfehlung. „Viele Eltern wollen ihren Kindern so das achtjährige Abitur ersparen“, sagt die Schulleiterin.

Leistungsstarke Schüler, die in Elsen abgelehnt wurden, haben sich offenbar trotzdem gegen die Paderborner Gymnasien entschieden: Dort wurde keines dieser Kinder angemeldet, so die Schulleiter.

Extremer Leistungsdruck, wenig Freizeit: Die ersten Eltern von Gymnasiasten fordern von der Landesregierung, die Notbremse zu ziehen und zum G9 zurückzukehren. Auch ein Lehrer, der nicht genannt werden möchte, beklagt die Auswirkungen der Schulreform. „Es bleibt kaum Zeit, den Lernstoff zu vertiefen. Wir schleifen die Schüler von Klausur zu Klausur.“ Frintrop-Bechthold mahnt eine Änderung der Schulstruktur an und bemängelt ebenso wie Pelizaeus-Leiter Antonius Steins, dass bis heute angepasste Lehrpläne für einzelne Fächer fehlen. Die Schulen müssten selbst erarbeiten, was unterrichtet wird – und was nicht. „G8 bedeutet eine stärkere Belastung für alle Beteiligten“, sagt Steins.

Eine Belastung, die auch Sara wegstecken muss. Im nächsten Schuljahr kommt sie in die achte Klasse. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Abitur. Nochmal zwei Stunden Unterricht kommen pro Woche dann hinzu. Die eigene Band muss weiter warten.



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