Heftige Kritik am „Billig-Abitur“

29.02.2008

Kölner Stadt-Anzeiger
VON HEINZ TUTT

Düsseldorf - Das böse Schlagwort „Billig-Abitur“ machte am Freitag im Düsseldorfer Landtag die Runde. Die von NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) verordnete Verschlankung der Lehrpläne an Gymnasien stieß auf zum Teil heftige Kritik. Während die Ministerin beteuerte, die Reduzierung des Unterrichtsstoffs führe nicht zur Absenkung des Unterrichtsniveaus, spricht die Opposition im Landtag von „einem verheerenden Signal“. Der Schulausschuss-Vorsitzende im Landtag, Wolfgang Große-Brömer (SPD), fürchtet, dass ein „Schmalspurunterricht an unseren Gymnasien nachhaltig dem Bildungsstandort NRW schadet“. Große-Brömer forderte die Landesregierung auf, „den Regierungsmurks beim Turbo-Abitur“ endlich zu beenden. Die Einführung von Ganztagsunterricht sei unumgänglich.

Feld- statt Modellversuch

„Was Kinder in NRW lernen sollen, darf nicht allein in den Hinterzimmern des Schulministeriums ausgeklüngelt werden“, betonte die Schulexpertin der Grünen, Sigrid Beer. Es müsse öffentlich diskutiert werden, welche Kompetenzen Kindern für eine zukunftsfähige Bildung in der Schule vermittelt werden sollen. Beer: „Statt wohlüberlegter Konzepte bleibt es dabei: Jede Woche eine neue Stümperei.“

Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE, Udo Beckmann, warf der Ministerin vor, sich nicht am Beispiel anderer Bundesländer wie Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein orientiert zu haben. Im Gegensatz zu NRW habe die Bildungspolitik in beiden Ländern Modellversuche vor die endgültige Umsetzung der Schulzeitverkürzung gestellt. Im nördlichsten Bundesland seien im Schuljahr 2001 / 02 sogenannte G-8-Modellschulen eingerichtet worden, auf deren Erfahrungen man jetzt zurückgreifen könne.

In Rheinland-Pfalz habe man erkannt, dass die Umsetzung der Schulzeitverkürzung nur an gut organisierten Ganztagsschulen funktionieren könne. Beckmann: „Im kommenden Schuljahr gehen dort neun Schulen als Modellschulen an den Start.“ Dagegen habe man in NRW einen großen Feldversuch gestartet. „Die aktuelle Debatte droht jetzt auf die Frage reduziert zu werden, in welchen Fächern welche Inhalte gestrichen werden können.“

Die Schulministerin beruft sich indes auf „ein positives Echo“ in den Gymnasien. „Die solide durchdachte Verschlankung der Stofffülle ist seit langem bekannt“, erklärte sie. Die Lehrpläne gäben den Pädagogen die notwendigen Freiräume, die Inhalte unterrichtsgerecht zu wählen.

Schützenhilfe kommt vom Koalitionspartner FDP. „Eine deutliche Entschlackung und Schwerpunktsetzung der Lehrpläne an Gymnasien im Zuge des verkürzten Abitur-Bildungsgangs ist sinnvoll und richtig“, betont die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, Ingrid Pieper-von Heiden. Für die FDP sei es aber eine Selbstverständlichkeit, dass die Entrümpelung der Lehrpläne nicht zu einem niedrigeren Niveau des Abiturwissens führen dürfe.

Gegen Kahlschlag

Auch der Philologen-Verband, Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, sieht in einer „verantwortlichen Reduzierung des Unterrichtsstoffs“ einen richtigen Schritt. Die Umsetzung der Schulzeitverkürzung ohne inhaltliche Konzentration und bessere Abstimmung der Stoffinhalte in den Fächern wäre nur das Zusammenpressen und -stauchen unveränderter Stofffülle auf einen geringeren Zeitraum. Der Philologen-Verband besteht darauf, dass jede Streichung plausibel und nachvollziehbar sein müsse. Der Verband werde daher darauf achten, dass kein pädagogischer Kahlschlag erfolge.

„Diejenigen, die jetzt von Niveauabsenkung sprechen, vergießen Krokodilstränen“, erklärte der Vorsitzende des Verbands, Peter Silbernagel. Es seien die Gleichen, die gestern beklagt hätten, die Unterrichtsvorgaben machten die Kinder krank.


 

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