Und es war Sommer

12.03.08

PETER JANSEN

Schulministerin Barbara Sommer (CDU) sorgt für Ärger der Opposition und das Missfallen von Rüttgers

Düsseldorf. Als der CDU-Landesvorsitzende Jürgen Rüttgers nach dem Wahlsieg 2005 seine erste Landesregierung bildete, war bis zwei Tage vor der Vorstellung des Kabinetts einer der wichtigsten Stühle frei: das Schulministerium. Klar war nur, dass wegen des Geschlechterproporzes eine Frau das Ressort leiten sollte und dass sie wegen des Regionalproporzes aus Ostwestfalen-Lippe kommen musste. So wurde Barbara Sommer, damals Schuldezernentin im Kreis Gütersloh, Mutter von fünf Kindern und politisch noch nie in Erscheinung getreten, in die schwarz-gelbe Landesregierung berufen.

Nach knapp drei Jahren im Amt ist Sommer das umstrittenste Mitglied im Kabinett Rüttgers. Dass sich die Schulpolitiker der Opposition, ihre Vorgängerin Ute Schäfer (SPD) aus Lage und die grüne Sigrid Beer aus Paderborn, auf sie eingeschossen haben, ist angesichts der grundlegenden Konflikte in den Kernfragen der Bildungspolitik kein Wunder. Aber auch Rüttgers ist alles andere als glücklich über vieles, was im Hause Sommer angerichtet wird und wofür sie und ihr vom Regierungschef selbst ausgesuchter Staatssekretär Günter Winands die Verantwortung tragen.

Jüngster Punkt im Sündenregister, das die Opposition der Ministerin vorhält, ist das Durcheinander um die Verkürzung der Schuljahre bis zum Abitur auf acht Jahre, kurz „G 8“ genannt. Eltern und ihre Verbände regten sich auf, dass die Umsetzung der im Prinzip von allen gewollten Schulzeitverkürzung mangelhaft vorbereitet war. Selbst der der schwarz-gelben Koalition überaus freundlich gesonnene Philologenverband murrte. Es fehlt in den meisten Gymnasien des Landes an der Möglichkeit, die Schüler über Mittag vernünftig zu betreuen und zu verpflegen, die Entschlackung der Lehrpläne wirkt eher holprig als überzeugend. Schulbücher und Lernmaterialien sind an die neuen Kernlehrpläne nicht angepasst. Schulen, Eltern und Lehrer fühlen sich vom Ministerium im Stich gelassen.

Noch längst nicht ausgestanden ist der Ärger mit den Kopfnoten, die auf Beschluss der CDU-FDP Koalition wieder eingeführt wurden und nun mit Noten von sehr gut bis unbefriedigend Auskunft geben sollen über das Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler. Ziffernnoten seien Unfug, wettern viele Pädagogen und warnen vor der Gefahr, dass nicht sehr gute Kopfnoten auf den Abschlusszeugnissen dazu führen, dass diese Schüler bei der Bewerbung um Ausbildungsplätze als erste aussortiert werden. Das Ministerium will die Probleme erst evaluieren, bevor es an Änderungen denkt – für Schüler, die in diesem Sommer die Schulen verlassen, dürfte es dann zu spät sein.

Trotz vollmundiger Bekenntnisse zur Gesamtschule lässt das Schulministerium die von der SPD eingeführte Schulform im Regen stehen. Seit Amtsantritt Sommers wurde in NRW keine neue Gesamtschule geschaffen, obwohl in diesem wie im Vorjahr 17.000 Schüler – davon 1.227 in OWL – abgewiesen werden mussten.

Im Dunkeln lässt das Schulministerium, ob tatsächlich, wie mit dem neuen Schulgesetz angekündigt, die Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schulformen verbessert wurde. Alle halbe Jahre solle geprüft werden, ob ein Hauptschüler auch für die Realschule oder ein Realschüler fürs Gymnasium geeignet sei. Ende Oktober wurden die Daten erhoben, auf Ergebnisse wartet die Opposition noch immer vergeblich. Schäfer ist überzeugt, dass weiterhin auf neun Schüler, die abgeschult werden, nur einer kommt, der aufsteigt.

In die Diskussion über die Grundsatzfragen der Bildungspolitik ist Sommer kaum eingebunden. Der Koalitionsvertrag war fertig ausgehandelt, als sie berufen wurde. Nachdem sie zu Beginn ihrer Amtszeit zweimal abweichende Meinungen vertrat und weder die Abschaffung der Grundschulbezirke noch die Unantastbarkeit des dreigliedrigen Schulsystem verteidigte, hält sie sich spürbar zurück. Auf Kongressen hält sie die Einführungsrede und umarmt lächelnd die Kollegen, für die Fachdiskussion ist ihr Staatssekretär Winands zuständig, ein Verwaltungsjurist, dem, so die Diplompädagogin Beer, Erfahrung in der Praxis völlig fehlt. Heimlicher Bildungsminister ist Rüttgers persönlich.

Kein Mitglied der NRW-Regierung steht so im Kreuzfeuer der Kritik wie Schulministerin Barbara Sommer (CDU). In der heutigen Landtagsdebatte über die Verkürzung der Schulzeit fehlt sie wegen Krankheit.
© 2008 Neue Westfälische
Bielefelder Tageblatt (MW), Mittwoch 12. März 2008

 

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