Eine Schule für alle Kinder

18.03.2008

WAZ
Der Westen
Sigrid Krause

Fehmarn. In Schleswig-Holstein entscheidet jede Gemeinde selbst, welche Schule es am Ort geben soll. Auf der Insel Fehmarn gibt es seit 2007 die erste echte Gemeinschaftsschule der Republik – Gymnasium inklusive.

Hört Jürgen Rüttgers das Wort „Gemeinschaftsschule”, sieht er rot und wettert los gegen die „Einheitsschule”. Sein Parteifreund Peter Harry Carstensen bleibt bei dem Thema ganz locker. Kein Wunder: 2006 einigte sich die schwarz-rote Koalition in Schleswig-Holstein auf ein Gesetz, das es den Kommunen erlaubt, die Haupt-, Real-, Förderschulen und Gymnasien am Ort zu Gemeinschaftsschulen zu vereinen.

Den CDU-Politikern auf der Ostsee-Insel Fehmarn kam die Neuerung gerade recht. Dort gibt es seit August 2007 die erste echte Gemeinschaftsschule der Republik. Alle Hauptschüler, Realschüler, Förderschüler und Gymnasiasten der 12 900-Seelen-Gemeinde werden in Zukunft gemeinsam unterrichtet.

Besucher geben sich die Klinke in die Hand
Neugierige Fremde streifen seitdem ständig durch die Räume, in denen die Fünftklässler lernen. Einen wie Justin bringen sie nicht mehr aus der Ruhe. „Nee, Sie stören nicht”, sagt der Zwölfjährige und schaut kurz auf von seiner Mathe-Aufgabe. „Besucher haben wir hier jede Woche. Letzte Woche war sogar eine Gruppe aus Russland hier.” Dann konzentriert er sich wieder auf sein Arbeitsblatt.

Tatsächlich geben sich Lehrer, Bildungsforscher, Politiker in dem roten Backsteinbau die Klinke in die Hand, um „das Wunder von Fehmarn” zu sehen. Jedem Kind, das heute in der fünften Klasse sitzt, steht nun der gerade Weg bis zum Abitur offen – ohne Schulwechsel nach Klasse 10. „Unser Ziel ist es, jedes Kind zu einem Schulabschluss zu bringen, mit dem es einen guten Beruf erlernen kann”, sagt Michaela Schmeiser (39), die Leiterin der „Inselschule Fehmarn”.

Zuvor hat es heftigen Widerstand von Eltern und Lehrern gegeben
Die startete im Sommer 2007. Vorangegangen waren erbitterte Grabenkriege auf der Insel; heftiger Widerstand kam vor allem von Eltern und Lehrern, die das eigenständige Gymnasium erhalten wollten. Sie blieben eine Minderheit. Einstimmig beschloss der Stadtrat im März 2006 den Umbau aller weiterführenden Schulen zur Gemeinschaftsschule.


    Grüne mit Zuversicht
    Gemeinschaftsschulen würden die NRW-Grünen im Landtag gern auch bei uns einführen.
    Weshalb Fraktionschefin Sylvia Löhrmann und die schulpolitische Sprecherin Sigrid Beer kürzlich nach Norden reisten, um Stärken und Schwachpunkte der Schulreform aus der Nähe zu sehen. „Wegweisend” findet Löhrmann, dass Schleswig-Holstein den Gemeinden die Wahl der Schulen am Ort freigestellt hat. „Wir wissen, dass es auch in NRW auf dem Land, selbst in CDU-Gemeinden, diesen Wunsch gibt.” Düsseldorf habe ihnen dies bislang verwehrt.



Jede Schule für sich hätte nur mühsam überlebt; das Ende der Hauptschule war bereits besiegelt, das Inselgymnasium drohte die Oberstufe zu verlieren. 21 junge Leute machten im vergangenen Jahr das Abitur; und ab 2011, das weiß man jetzt schon, werden in jedem Jahrgang weniger als 100 Kinder lernen. Das nächste Gymnasium liegt auf dem Festland, 35 Kilometer weit weg. Damit stellte sich die Frage: Wie bleibt Fehmarn attraktiv für junge Familien? Und wie verhindert man, dass gerade die besten Schüler die Insel verlassen?

15 Gymnasiasten kommen jeden morgen vom Festland zur Inselschule
Das neue Schulgesetz gab den Kommunalpolitikern freie Hand: Das Gymnasium, die Realschule und die kleine Hauptschule wurden zum Schuljahr 2007/08 zur Gemeinschaftsschule zusammengelegt. Die hat nun 1025 Schüler, bietet das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren und alle früheren Abschlüsse sowieso. Die viel beschworene Flucht der Gymnasiasten von der Insel gibt es nicht, freut sich die Schulleiterin. Im Gegenteil: Fünf Insel-Kinder fahren morgens mit dem Bus zum Festland-Gymnasium, 15 Gymnasiasten kommen den umgekehrten Weg in die Inselschule. Fürs neue Schuljahr liegen schon die ersten Anmeldungen vom Festland vor.

Schulleiterin Michaela Schmeiser hat sichtlich Freude daran, die neue Schule zum Erfolg zu bringen. „Es reicht ja nicht, das Etikett auszutauschen”, sagt sie. „Wir alle im Kollegium müssen viel Neues lernen. Das bedeutet am Anfang sehr viel mehr Arbeit für alle.” Die Lehrkräfte der drei Schulen müssen sich nicht nur zusammenraufen, sondern auch das Unterrichten in gemischten Klassen üben. Die sechs fünften Klassen werden bereits nach dem neuen Konzept unterrichtet. 40 Prozent der insgesamt 148 Kinder haben eine Gymnasialempfehlung, sie sitzen mittendrin in allen Klassen.

Jedes Kind hat seinen Lernplan
Klassenlehrer (je zwei führen eine Klasse) und Fachlehrer müssen nun darauf achten, dass die guten Schüler in der Klasse nicht unterfordert werden; haben sie die Grundkenntnisse im Kopf, lösen sie in jedem Fach Zusatzaufgaben. Die Schwächeren dürfen zugleich nicht den Anschluss verpassen. Jedes Kind hat seinen Lernplan, im dem jeder Fortschritt verzeichnet ist.

Den Kindern, sagt Schmeiser, bereite das gemeinsame Lernen keine Probleme Im Gegenteil: „Die Schwächeren fragen die stärkeren Schüler, wenn sie etwas nicht verstanden haben – von sich aus. Kinder interessiert doch nicht die Frage: Hat der Banknachbar eine Gymnasialempfehlung? Das ist denen egal. Sie akzeptieren sich gegenseitig.”

 

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