Revolution auf Fehmarn

15.03.2008

Mit der Gründung einer Schule für alle reagiert Schleswig-Holstein auf den
demographischen Wandel
VON BERNHARD HÄNEL
© 2008 Neue Westfälische
Paderborner Kreiszeitung

Kiel. Raum 1, Klasse 5a. Weltkunde steht auf dem Stundenplan, eine Zusammenfassung von Geschichte und Erdkunde. Heute geht es um deutsche Landschaften. Vor der veralteten Deutschlandkarte steht Richard. Oderbruch? Erzgebirge? Zielsicher fährt der Elfjährige mit dem Zeigestock über die Karte und zeigt die Regionen. Dass mitten durch Deutschland eine Grenze verläuft, irritiert ihn nicht. „Die Karte ist uralt“, erklärt er nach dem Unterricht.

Umso moderner ist, was in seiner Klasse passiert. „Hier lernen Kinder gemeinsam, die von der Grundschule unterschiedliche Empfehlungen für ihre Schullaufbahn bekommen haben“, sagt Lehrerin Astrid Genesis-Kunz. Bis vor kurzem unterrichtete sie noch Englisch und Erdkunde am Gymnasium. Ihre Schule ist ein Auslaufmodell, wurde durch Ratsbeschluss integriert in die „Inselschule Fehmarn“, weil es in Zukunft schlicht nicht genug Schüler für das Schulsystem von gestern gibt.

Pragmatismus und nicht Ideologie lag der Entscheidung zur Gründung der ersten Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein zu Grunde. Auf Fehmarn ist die CDU, wie nahezu im ganzen meerumschlungenen Land, stärkste Partei. Die Grünen scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde. Kein Hindernis für die Parteifreunde aus Nordrhein-Westfalen, bei einem Ortstermin das Modell Gemeinschaftsschule in Augenschein zu nehmen. „In Schleswig-Holstein passiert Wegweisendes, weil die Kommunen selbstständig über die Gestaltung ihrer Schullandschaft entscheiden dürfen“, sagt Fraktionschefin Sylvia Löhrmann. Genau dies verwehre die NRW-Landesregierung ihren Kommunen wie jüngst in Horstmar und Schöppingen, wo CDU-dominierte Gemeinderäte vergeblich einen Modellversuch für eine Gemeinschaftsschule beantragt hatten.

Auch in Schleswig-Holstein war die CDU gegen Gemeinschaftsschulen. Als die Koalition mit der SPD geschlossen wurde, musste ein Kompromiss geschlossen werden. Der gibt den Kommunen freie Hand zu entscheiden, welche Schulen sie anbieten wollen. Gymnasium, Gemeinschafts- sowie Regionalschule stehen zur Auswahl.

„Wegen der zurückgehenden Schülerzahlen waren die bisherigen Schulformen nicht überlebensfähig“, sagt Schulleiterin Michaela Schmeiser (39). „Wir wollten aber den Kindern nicht zumuten, jeden Tag 35 Kilometer bis zum nächsten Gymnasium zu fahren.“ Nach heftigen Auseinandersetzungen in der Inselgemeinde, bei denen selbst alte Freundschaften und gute Nachbarschaften in die Brüche gingen, fiel 2007 die Entscheidung zur Zusammenlegung von Haupt- und Realschule sowie Gymnasium.

Derzeit werden an der Inselschule rund 1.000 Schüler unterrichtet. Neben der bereits integrierten fünften Jahrgangsstufe läuft der Unterricht getrennt nach den alten Schulformen. Im Streit geschieden sind einige Gymnasiallehrer, die sich nicht vorstellen konnten, dass in der neuen Schulform die sogenannten gymnasialen Standards Bestand haben könnten. Gegangen ist auch der Oberstudiendirektor, dessen Aufgabe die engagierte und couragierte Michaela Schmeiser übernommen hat. Ein Glücksgriff, wie Elternvertreterin Anja Neuwohner findet.

Einen Glücksgriff taten auch etwa 100 Kilometer nordwestlich die Bürger von Handewitt bei der letzten Kommunalwahl, als sie Arthur Christiansen zu ihrem Amtsvorsteher wählten. Der schwergewichtige Christdemokrat strotzt vor Energie. Der Bildungspolitik gilt seine Leidenschaft, „denn wir können es uns nicht leisten, Menschen zu Verlierern zu machen“. Handewitt sei bislang nur als Handballdorf bekannt. Das müsse sich ändern, sagt Christiansen und trieb die Gründung einer Gemeinschaftsschule voran. Von ihr verspricht er sich „Mehrwert“ für die Gemeinde.
Zunächst aber gilt es zu investieren. „Wenn man eine neue Schule bauen will, muss man richtig Geld in die Hand nehmen“, sagt Christiansen. Das hat zwar auch seine Gemeinde nicht im Überfluss. Aber: „Für Bildung muss Geld da sein.“ Mit dieser Losung tritt er bei der Kommunalwahl am 25. Mai an.

Die Gründung der Gemeinschaftsschule war in Handewitt kaum umstritten. Hier gab es weniger aufzugeben, schon gar nicht ein Gymnasium. Zwei Haupt- und eine Förderschule hatte die Gemeinde bisher angeboten. Wer andere Schulen besuchen wollte, musste nach Flensburg. „Für das neue Schuljahr haben wir die ersten Anmeldungen von Kindern, die als gymnasialgeeignet beurteilt wurden“, freut sich Christiansen.

Zurück in NRW, zieht die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sigrid Beer, Bilanz. „Ein bisschen Luftveränderung würde Schulministerin Sommer gut tun. Offensichtlich trägt das nordischere Klima in Schleswig-Holstein dazu bei, ideologische Verkrustungen besser aufzulösen.“ Jeder, der in NRW den Aufbruch zum längeren gemeinsamen Lernen verhindere und an den überkommenen Schulformen festhalte, zementiere die soziale Ungerechtigkeit und gefährde die Zukunft unserer Kinder.
Hoch oben im deutschen Norden wächst eine neue Schule. Sie heißt Gemeinschaftsschule und verzichtet auf jede Ideologie. Begabte und schwache Kinder werden gemeinsam unterrichtet. Vorreiter der „Schule für alle“ ist die Ostseeinsel Fehmarn.

 

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